Valparaíso präsentiert sich nicht geordnet. Wer von Santiago über die Küstenberge kommt, sieht die Stadt plötzlich seitlich auftauchen: rund vierzig Hügel voller Wellblech, Farbe und Treppen stürzen zu einem arbeitenden Hafen hinab. Unten liegt el plan, der schmale flache Streifen. Danach geht es nur noch bergauf.

Die Stadt besteht aus Sackgassen, Wandbildern, schlafenden Hunden auf Treppenabsätzen und jahrhundertealten ascensores, die in knarrenden Holzkabinen die Hänge hinauffahren. Ihre Gestalt ist das Ergebnis einer Wirtschaftsgeschichte, die meist zu stark vereinfacht wird.

Eine Stadt ohne Gründungsurkunde

Valparaíso besitzt kein offizielles Gründungsdatum. Juan de Saavedra erreichte 1536 die Bucht und benannte sie wohl nach seinem Heimatort in Spanien. Doch die Siedlung wurde nie planmäßig gegründet; sie wuchs als Ankerplatz für Santiago.

Reich machte sie Kap Hoorn. Vor dem Panamakanal mussten Schiffe zwischen Atlantik und Pazifik den Süden Südamerikas umrunden. Valparaíso war der erste große Hafen zum Reparieren, Versorgen und Handeln. Im 19. Jahrhundert kamen Briten, Deutsche, Italiener und Kroaten, gründeten Banken und Handelshäuser und bauten Villen auf Cerro Alegre und Cerro Concepción. Die Stadt wurde Chiles Finanzzentrum und Handelsmetropole des Südpazifiks.

El Mercurio de Valparaíso, 1827 gegründet, ist die älteste noch erscheinende spanischsprachige Tageszeitung der Welt. Sie entstand hier, weil hier das Geschäft stattfand.

Der Mythos vom Kanal

Oft heißt es, 1914 habe der Panamakanal geöffnet und Valparaíso getötet. Das ist nur ein Teil der Wahrheit. Santiago zog bereits Unternehmen, Banken und vermögende Familien an. Das Erdbeben vom 16. August 1906 zerstörte große Teile des Flachlands und tötete Tausende. 1912 eröffnete der näher an Santiago gelegene Konkurrenzhafen San Antonio. Dann veränderte der Kanal die Weltrouten; der Zusammenbruch des Salpeterbooms und die Krise von 1929 vollendeten den Niedergang.

Der Hafen blieb wichtig. Verloren ging die Rolle als Drehkreuz des Pazifiks. Valparaíso wurde nicht von einem einzigen Bauwerk besiegt, sondern von mehreren Entwicklungen zugleich.

Wie Niedergang bewahrt

Gerade die Stagnation rettete das historische Stadtbild. Es fehlte das Geld, Gebäude des 19. Jahrhunderts abzureißen und durch Türme zu ersetzen. So blieben Blechhäuser, Villen, Standseilbahnen und das verworrene Straßennetz erhalten. 2003 erklärte die UNESCO den historischen Kern zum Welterbe.

Der Schutz ist jedoch schwierig. Restaurierung ist teuer, manche geschützten Häuser stehen leer, und mehrere ascensores sind außer Betrieb. In vernachlässigten Vierteln sollte man mit Telefonen und Wertsachen zurückhaltend sein.

Was man sehen sollte

Man nimmt einen ascensor und geht danach zu Fuß. Der Ascensor Concepción von 1883 ist der älteste. Paseo Atkinson, Gervasoni, Yugoslavo und 21 de Mayo zeigen dieselbe Bucht aus immer neuen Winkeln. Cerro Alegre und Cerro Concepción bieten Cafés, kleine Hotels, restaurierte Häuser und bekannte Wandbilder. Plaza Sotomayor ist das zeremonielle Zentrum, geprägt von der chilenischen Marine.

La Sebastiana, eines der Häuser Pablo Nerudas, steht auf dem Cerro Bellavista. Und der Hafen selbst ist sehenswert, gerade weil er kein Dekor ist, sondern weiterhin arbeitet.

1866 bombardierte ein spanisches Geschwader die kaum verteidigte Stadt und verbrannte einen großen Teil des Geschäftsviertels. Flotten, Erdbeben und Wirtschaftskrisen haben Valparaíso wiederholt zu Boden gezwungen; jedes Mal entstand es erneut in derselben improvisierten, vertikalen und farbigen Form.

Praktische Hinweise

Von Santiago dauert die Fahrt etwa anderthalb Stunden. Ein Tagesausflug ist möglich, doch am Abend verändert sich die Stadt, wenn die Hügel zu leuchten beginnen. Gutes Schuhwerk ist unverzichtbar.

Vom Aussichtspromenaden bei Dämmerung sieht man eine Stadt, die entstand, weil ein Isthmus nicht zu überwinden war – und bewahrt wurde, als er schließlich doch durchquert werden konnte.