In Antigua Guatemala fallen zuerst die fehlenden Dächer auf. Hinter barocken Fassaden voller Heiligenfiguren und Nischen öffnen sich Kirchenschiffe zum Himmel; Gras wächst zwischen Mauern, zerbrochene Gewölbe liegen am Boden. Durch die Ruinenbögen erscheint der Volcán de Agua. Es ist eines der bekanntesten Bilder Mittelamerikas – und eines der am häufigsten missverstandenen.

Die touristische Kurzfassung lautet: Der Vulkan zerstörte die Stadt, alle flohen, die Ruinen wurden aufgegeben. Tatsächlich ist die Geschichte viel komplexer. Sie umfasst mehrere Hauptstädte, Jahrhunderte von Erdbeben, einen Machtkampf zwischen Gouverneur und Erzbischof und eine Bevölkerung, die den Befehl zum Wegzug nur teilweise befolgte.

Eine Hauptstadt auf Wanderschaft

Die erste spanische Hauptstadt entstand 1524 in Iximché im Gebiet der Kaqchikel und wurde bald aufgegeben. Die zweite lag im Almolonga-Tal am Volcán de Agua. 1541 wurde sie nicht von einem Ausbruch zerstört, sondern von einer gewaltigen Schlamm- und Wasserflut nach extremen Regenfällen. Der Ort heißt heute Ciudad Vieja und ist nicht mit Antigua zu verwechseln.

1543 gründeten die Überlebenden im Panchoy-Tal Santiago de los Caballeros de Guatemala. 230 Jahre lang war die Stadt Sitz der Audiencia für große Teile Mittelamerikas, Universitätsstadt, Druckzentrum und nach zeitgenössischem Urteil die prächtigste Stadt Spanisch-Amerikas nach Mexiko-Stadt.

Doch Erdbeben trafen sie immer wieder. Die Santa-Marta-Beben begannen am 11. Juni 1773; der verheerendste Stoß folgte am 29. Juli. Nachbeben dauerten Monate. Nicht ein einzelner Tag entschied das Schicksal der Stadt, sondern die Unmöglichkeit, auf ständig bebendem Boden wieder aufzubauen.

Der Kampf um den Verbleib

Zwei Lager entstanden. Die traslacionistas wollten die Hauptstadt verlegen, die terronistas am vertrauten Ort neu bauen. Generalkapitän Martín de Mayorga setzte den Umzug durch; Erzbischof Pedro Cortés y Larraz widersetzte sich.

Hinter dem Streit stand mehr als Erdbebensicherheit. Im Zeitalter der bourbonischen Reformen wollte die spanische Krone ihre Macht zentralisieren und den Einfluss der Kirche begrenzen. Das Beben bot die Gelegenheit, Orden aus ihren großen Klöstern zu verdrängen und sie in einer neuen Hauptstadt unter stärkerer staatlicher Kontrolle anzusiedeln.

Nueva Guatemala de la Asunción hielt am 2. Januar 1776 seine erste Ratssitzung ab. Daraus wurde das heutige Guatemala-Stadt. Die frühere Hauptstadt erhielt erst später den Namen la Antigua Guatemala.

Eine Stadt, die nie ganz verlassen wurde

Antigua war niemals vollständig menschenleer. Behörden, Teile des Klerus und viele wohlhabende Familien gingen, doch zahlreiche Bewohner blieben. Sie bewohnten und reparierten Häuser, erhielten das Straßennetz und verhinderten, dass die großen Kirchen vollständig abgetragen oder vom tropischen Wachstum verschlungen wurden.

Diese Verbindung aus einer barocken Hauptstadt, die im 18. Jahrhundert eingefroren scheint, und einer kontinuierlich lebenden Gemeinschaft führte 1979 zur Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste.

Sehenswürdigkeiten

La Recolección zeigt den Einsturz am dramatischsten: riesige Gewölbeblöcke liegen im Kirchenschiff. Las Capuchinas beeindruckt mit erdbebengerechter Bauweise und einem ungewöhnlichen runden Zellentrakt. San Francisco bewahrt das Grab von Hermano Pedro, dem ersten Heiligen Mittelamerikas. Hinter der restaurierten Fassade der Kathedrale erstreckt sich ein gewaltiges Ruinenfeld.

Der Arco de Santa Catalina war kein Schmuckbau, sondern ein überdachter Übergang für Klausurnonnen. Den klassischen Blick erhält man am besten morgens vom Cerro de la Cruz, wenn die Vulkane noch frei liegen.

In der Karwoche ziehen Prozessionen über Teppiche aus gefärbtem Sägemehl, Blumen und Früchten. Antigua ist keine tote Ruinenstadt. Sie ist eine Stadt, deren Bewohner sich weigerten, den Befehl zum Verschwinden zu erfüllen.