Für Europas begehrtestes Blau benötigte ein Maler der Renaissance zunächst einen Stein, der von weit jenseits Europas herangeschafft wurde.
Jahrhundertelang wurde das feinste natürliche Ultramarin vor allem aus Lapislazuli gewonnen, der in Badachschan im heutigen Nordosten Afghanistans abgebaut wurde. Der Stein gelangte über weitreichende Handelsnetze nach Westen, überquerte Berge und Wüsten und erreichte schließlich Mittelmeerhäfen sowie Werkstätten in Städten wie Venedig und Florenz. Sein europäischer Name spiegelte diese Reise wider: Ultramarin, vom lateinischen ultramarinus, bedeutete „jenseits des Meeres“.
Die Entfernung erklärte jedoch nur einen Teil des Preises. Lapislazuli ist ein Gestein aus mehreren Mineralen. Seine blaue Farbe stammt hauptsächlich vom Lasurit; außerdem können heller Calcit und metallisch glänzender Pyrit enthalten sein. Das bloße Mahlen des Steins ergab ein stumpfes, gräuliches Pulver. Deshalb entwickelten Handwerker ein aufwendiges Verfahren, um den wertvollen blauen Bestandteil abzutrennen.
Wie aus Lapislazuli natürliches Ultramarin wurde
Pigmenthersteller des Mittelalters und der Renaissance mahlten ausgewählten Lapislazuli und verarbeiteten das Pulver mit Wachs, Harz und Öl zu einer Paste. Diese wurde anschließend in einer verdünnten alkalischen Lösung geknetet. Dabei gelangten feine blaue Lasuritteilchen ins Wasser, während ein großer Teil der unerwünschten Bestandteile in der Paste gebunden blieb. Wiederholte Extraktionen ergaben verschiedene Qualitätsstufen: Die ersten Waschungen lieferten das kräftigste Blau, spätere ein blasseres und weniger wertvolles Pigment.
Nur ein Teil des ursprünglichen Gesteins wurde zu Pigment höchster Qualität. Der Arbeitsaufwand, der Materialverlust und der lange Transportweg trugen zu seinem außergewöhnlichen Preis bei. Zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten konnte das beste natürliche Ultramarin nach Gewicht mehr kosten als Gold.
Ein Renaissancepigment mit einem hohen Preis
Ultramarin war zu kostbar, um wie gewöhnlicher Werkstattbedarf behandelt zu werden. Auftraggeber kauften es mitunter getrennt, stellten es selbst bereit oder schrieben seine Qualität im Vertrag fest. Eine berühmte Vereinbarung von 1515 für Andrea del Sartos Madonna der Harpyien verlangte beispielsweise für das blaue Gewand der Maria Ultramarin im Wert von mindestens fünf Goldflorin pro Unze.
Der Maler Cennino Cennini rühmte Ultramarin als „erhaben, schön und vollkommener als alle anderen Farben“. Sein hoher Preis erforderte sorgfältige Planung. Künstler konnten es den wichtigsten Partien vorbehalten, über einer günstigeren Untermalung auftragen oder an anderen Stellen der Komposition ein billigeres Blau verwenden.
Azurit, ein kupferhaltiges Mineralpigment, war die wichtigste Alternative. Es war günstiger und häufig etwas grünlicher im Ton. Unter bestimmten Umweltbedingungen kann Azurit sich verändern oder nachdunkeln, doch dies ist nicht das unvermeidliche Schicksal jeder damit gemalten Partie. Natürliches Ultramarin wurde wegen seiner gesättigten Farbe und seiner im Allgemeinen hohen Beständigkeit geschätzt, war aber nie ein universeller Ersatz für jedes andere Blau.
Warum die Jungfrau Maria Blau trägt
Die häufige Darstellung der Jungfrau Maria in tiefem Blau entstand aus verschiedenen künstlerischen und religiösen Traditionen. Der hohe Preis des Ultramarins verlieh ihr eine weitere starke Bedeutungsebene. Das kostbarste Pigment Maria zuzuweisen, konnte sowohl Verehrung als auch die Bereitschaft des Auftraggebers ausdrücken, die heilige Figur materiell zu ehren.
Diese Verbindung wurde zu einer der bekanntesten Konventionen der westlichen Kunst. In vielen Altarbildern konnte echtes Ultramarin die Bedeutung einer Figur hervorheben, doch es bildete kein starres Rangsystem. Werkstattpraxis, Budget des Auftraggebers, regionaler Geschmack und Verfügbarkeit der Materialien bestimmten, wo und wie das Pigment eingesetzt wurde.
Ein unvollendetes Gemälde Michelangelos zeigt, wie eng Ultramarin mit dieser Geschichte verbunden ist. In der um 1500 begonnenen und heute in der Londoner National Gallery aufbewahrten Grablegung Christi blieb der für die kniende Maria vorgesehene Bereich leer. Einer Hypothese zufolge wartete Michelangelo auf das kostspielige Blau für ihren Mantel. Das Museum nennt dies als Möglichkeit, nicht als bewiesene Erklärung: Auch andere Teile der Tafel blieben unvollendet, und die Abreise des Künstlers nach Florenz könnte besser erklären, warum er das Werk aufgab.
Der Ofen, der das Blau veränderte
Natürliches Ultramarin blieb ein Luxus, bis die Chemie einen überzeugenden Ersatz ermöglichte. In einem Sodaofen der Glasfabrik Saint-Gobain in Frankreich waren blaue Ablagerungen entdeckt worden. 1814 veröffentlichte der Chemiker Nicolas Vauquelin eine Analyse, die ihre Ähnlichkeit mit Lapislazuli zeigte. Die Entdeckung deutete darauf hin, dass sich die Farbe aus preiswerten Rohstoffen herstellen ließ.
1824 setzte die Société d’Encouragement pour l’Industrie Nationale einen Preis von 6.000 Francs für ein praxistaugliches synthetisches Ultramarin aus. Der französische Chemiker Jean-Baptiste Guimet entwickelte 1826 ein erfolgreiches Verfahren und erhielt 1828 den Preis. Fast zur gleichen Zeit entwickelte und veröffentlichte Christian Gottlob Gmelin, Professor in Tübingen, unabhängig davon eine verwandte Methode.
Das neue Pigment, oft als französisches Ultramarin bezeichnet, war einheitlicher, reproduzierbar und erheblich billiger als das aus Stein gewonnene Pigment. Eine zuvor exklusive Farbe wurde dadurch für viel mehr Künstler und Hersteller erschwinglich. Der Markt für Künstlerpigment aus Lapislazuli schrumpfte stark, doch der umfassendere Handel mit dem Stein verschwand nicht: Für Schmuck, Schnitzereien und Ziergegenstände blieb er wertvoll.
Vom sakralen Luxus zur Alltagsfarbe
Synthetisches Ultramarin veränderte die Ökonomie des Blaus. Künstler mussten nicht mehr jede kräftige Partie der für den Auftraggeber wichtigsten Figur vorbehalten, während Hersteller das Pigment für Druckerzeugnisse, Papier, Textilien, Farben und Waschmittel übernahmen. Eine Farbe, die einst mit äußerster Sorgfalt abgemessen wurde, wurde zum industriellen Material.
Natürliches und synthetisches Pigment sind chemisch eng verwandt, in ihrer visuellen Wirkung jedoch nicht in jeder Hinsicht identisch. Natürliches Ultramarin kann mineralische Variationen enthalten, die ihm ein komplexes Erscheinungsbild verleihen; die synthetische Variante bietet Gleichmäßigkeit und einen erschwinglichen Preis. Fachhersteller für Pigmente und Restauratoren unterscheiden deshalb weiterhin zwischen beiden.
Warum altes Ultramarin grau werden kann
Ultramarin ist im Allgemeinen beständig, doch manche gemalten Partien entwickeln ein stumpfes, graues Aussehen, das als „Ultramarinkrankheit“ bezeichnet wird. Restauratoren haben das Phänomen an bedeutenden Werken dokumentiert, seine genauen Ursachen werden jedoch weiterhin erforscht. Veränderungen im Bindemittel der Farbe, Feuchtigkeit, Schadstoffe und das komplexe Zusammenspiel des Pigments mit seiner Umgebung könnten daran beteiligt sein.
Heute enthalten die meisten mit Ultramarin beschrifteten Farbtuben das preiswerte synthetische Pigment, das aus den Experimenten des 19. Jahrhunderts hervorging. Natürlicher Lapislazuli besitzt dagegen weiterhin einen eigenen künstlerischen, kulturellen und dekorativen Wert. Die Erfindung des synthetischen Ultramarins löschte die Geschichte des Steins nicht aus, sondern teilte sie in zwei Wege: Der eine führte zu einer zugänglichen modernen Farbe, der andere bewahrte das Material, das einst Kontinente überquerte, um die am meisten verehrten Gestalten der europäischen Kunst zum Leuchten zu bringen.
Wenn in einem Renaissancegemälde das nächste Mal ein tiefblauer Mantel den Blick anzieht, lohnt es sich, daran zu denken, dass diese Farbe zugleich ein Zeugnis von Geologie, Handel, Chemie und Glauben war. Ultramarin war nie bloß Blau: Es machte Entfernung, Arbeit und Hingabe sichtbar.
Quellen und weiterführende Literatur: National Gallery, London; CAMEO Materials Database des Museum of Fine Arts, Boston; Forschungen der Universität Amsterdam zur historischen Ultramarinherstellung; Studien der National Gallery of Art über Pigmentveränderungen; sowie Forschungen des Gemological Institute of America zu Lapislazuli aus Badachschan.