Man braucht eine Taschenlampe. Das ist das Erste, was man über die unterirdische Stadt von Naours lernt – und der Grund, warum ihr größter Schatz mehr als ein Jahrhundert lang übersehen wurde. Dreiunddreißig Meter unter einem niedrigen grünen Hügel in der Picardie, in einem Kreidegang, in dem die Temperatur nahezu konstant bei zehn Grad liegt, fällt der Lichtkegel auf etwas an der Wand, das einen stehen bleiben lässt: ein Name, mit gewöhnlichem Bleistift in fester Handschrift geschrieben, gefolgt von einem Ort und einem Datum. Wilfred. New South Wales. Juli 1916.
Er schrieb ihn nur wenige Kilometer und wenige Wochen vor dem schlimmsten Tag der Militärgeschichte seines Landes. Über ihm fraß sich die Somme-Offensive durch die Felder. Und er war an seinem freien Tag hierhergekommen, um sich den Ort anzusehen.
Die unterirdische Stadt von Naours, vierzehn Kilometer nördlich von Amiens, gehört zu den ungewöhnlichsten Kulturerbestätten Frankreichs – und zu den am häufigsten missverstandenen. Oft wird sie als Kriegsbunker beschrieben, der Soldaten vor Artilleriebeschuss schützen sollte. Das war sie nicht. Sie war ein Dorf, das über Jahrhunderte lernte, im Boden zu verschwinden. Und die Soldaten, die ihre Namen an den Wänden hinterließen, versteckten sich nicht. Sie waren Touristen.
Eine aus Angst geschaffene Stadt
Das Kreideplateau Nordfrankreichs ist weich, trocken und leicht zu bearbeiten. Seit dem Mittelalter wurde hier Material für Bausteine und Mergel für die Felder gewonnen. Das Besondere an der Picardie ist, was danach geschah. Diese Region war eine der am häufigsten überfallenen Landschaften Europas, ein Durchgangskorridor für Armeen zwischen den Niederlanden und Paris. Etwa ab dem 15. Jahrhundert begannen die Dorfbewohner, alte Steinbrüche in Zufluchtsorte umzuwandeln. Im picardischen Dialekt bedeutet mucher „sich verstecken“, daher heißen diese Schutzanlagen muches. Dutzende haben sich in den Départements Somme, Nord und Pas-de-Calais erhalten.
Naours ist die größte und aufwendigste von allen. In ihrer Blütezeit umfasste die Anlage rund zwei Kilometer Gänge – insgesamt achtundzwanzig –, die wie Straßen angelegt und von Räumen gesäumt waren. Diese waren zu Blöcken gruppiert; hinzu kamen Gemeinschaftssäle und eine Kapelle. Je nach Zählweise schwankt die Zahl der Räume zwischen etwa 130 und 300. Unstrittig ist jedoch die Dimension: Hier konnte ein ganzes Dorf verschwinden, möglicherweise 2.000 Menschen samt Vieh und Vorräten.
Am eindrucksvollsten zeigt sich der Erfindungsreichtum bei den Kaminen. Eine verborgene Stadt braucht Feuer. Feuer erzeugt Rauch. Und Rauch verrät ein Versteck. Deshalb trieben die Erbauer die Rauchkanäle waagerecht durch die Kreide, bis sie an den Kamin eines gewöhnlichen Hauses an der Oberfläche angeschlossen werden konnten. Der Rauch von zweitausend verborgenen Menschen stieg aus dem Herd eines Bauernhauses auf, und eine vorbeiziehende Armee sah keinen Anlass anzuhalten.
Als die Nutzung ihren Höhepunkt erreichte
Populäre Darstellungen verlegen den Zufluchtsort gern tief ins Mittelalter und erzählen romantisch von verängstigten Bauern, die sich vor Wikingern unter die Erde retteten. Der Steinabbau mag tatsächlich älter sein, doch die Archäologie zeichnet ein genaueres Bild davon, wann Naours wirklich bewohnt wurde. Ausgrabungen unter Leitung des französischen Instituts Inrap brachten Inschriften, Münzen, Keramik und Musketenkugeln zutage. Sie deuten auf eine intensive Nutzung zu Beginn des 17. Jahrhunderts hin, während des Dreißigjährigen Kriegs, als Armeen Nord- und Mitteleuropa immer wieder durchquerten, plünderten und niederbrannten. Das 16. und 17. Jahrhundert – nicht das 9. – waren die große Zeit der muches.
Wer zum Thema recherchiert, sollte eine häufige Ungenauigkeit kennen: Mehrere ansonsten verlässliche französische Quellen setzen den Höhepunkt in das frühe 18. Jahrhundert, nennen aber zugleich den Dreißigjährigen Krieg, der von 1618 bis 1648 dauerte. Der Krieg ist richtig; das Jahrhundert ist ein Fehler, der von Seite zu Seite weiterkopiert wurde.
Als Frieden einkehrte, leerten sich die Gänge nicht – nur ihre Bewohner wechselten. Unter Ludwig XVI. übernahmen faux-sauniers, Salzschmuggler, die die verhasste Salzsteuer gabelle umgingen, die Galerien und richteten dort ein Lager ein. Aus einem Zufluchtsort zum Überleben wurde nach derselben Logik der Tarnung ein Warenlager für Schmuggel. Nach der Revolution gingen die Besuche zurück, die Eingänge verschlossen sich, und die Stadt unter dem Hügel geriet in Vergessenheit.
Der Priester mit der Laterne
Im Dezember 1887 kehrte sie ins Bewusstsein zurück. Der Dorfpfarrer Abbé Ernest Danicourt, ein begeisterter Hobbyarchäologe, suchte nach der Anlage und fand sie. Er verstand genug von öffentlicher Wirkung, um bereits im folgenden Jahr einen Besucherführer mit empfohlenen Routen durch die Gänge zu veröffentlichen. 1906 wurde die Stätte offiziell für das Publikum geöffnet. Dieser Umstand erklärt alles, was später geschah. Als der Erste Weltkrieg begann, war Naours bereits eine lokale Sehenswürdigkeit – eine Kuriosität, die in Reiseführern stand und Besuchern mit einem freien Nachmittag empfohlen wurde.
Die Touristen von der Somme
Ende 2013 übernahm die lokale Verwaltung das Gelände und beauftragte den Inrap-Archäologen Gilles Prilaux mit einer klar umrissenen technischen Aufgabe: die Anlage genauer zu datieren. Das tat er. Dann ging er mit einer Taschenlampe durch die Galerien, betrachtete die Wände aufmerksam – und entdeckte etwas, das niemand systematisch erfasst hatte.
Namen. Tausende Namen. Zwischen 2013 und 2018 wurden mehr als 3.000 Inschriften dokumentiert, die meisten mit Bleistift. Viele enthalten Nationalität, Einheit, Datum, manchmal sogar eine Heimatadresse. Frühe Schätzungen lagen näher bei 2.000; mit fortschreitender Arbeit stieg die Zahl. Das erklärt, warum unterschiedliche Summen kursieren. Französische Soldaten tauchen ab 1915 auf. Ab 1916 kommen die Australier in großer Zahl und dominieren das Material. Je nach Zählmethode wird ihr Anteil auf etwa die Hälfte bis zu vier Fünftel geschätzt. Auch britische, kanadische, amerikanische und indische Namen finden sich.
Warum so viele Australier? Weil sie im nahe gelegenen Vignacourt hinter der Somme-Front einquartiert waren – und weil sich der Tipp herumsprach. Die Briefe der Soldaten lassen am Zweck des Besuchs keinen Zweifel. Im Juli 1916 schrieb der junge Australier Alexander Patterson seiner Mutter von einer unterirdischen Stadt unter einem großen Hügel, die vor Hunderten Jahren gebaut worden sei und in der sich die Bevölkerung bei jeder Invasion Frankreichs versteckt habe. Ein Tagebuch vom Jahreswechsel 1916/17 berichtet von zehn Männern, die zu den berühmten Höhlen bei Naours aufbrachen. Der Schreiber staunte über etwa 300 Räume, darunter einen angeblich tausend Meter langen, und über die Vorstellung, eine ganze Division mit Männern, Pferden, Geschützen und Transportmitteln könne darin Platz finden.
Das sind die Worte von Männern auf einem Ausflug. Genau diese Erkenntnis veränderte die Forschung in Naours: Es ging nicht um Schutz, sondern um Freizeit. Hinter den Linien der tödlichsten Schlacht des Kriegs besuchten Soldaten an einem freien Nachmittag eine Sehenswürdigkeit und signierten die Wand, wie Besucher es seit jeher tun. Alexander Pattersons Bruder James wurde am 9. August 1916 bei Pozières verwundet. Der Gegensatz zwischen Ausflug und Verlustliste macht die ganze Fremdheit des Ortes aus.
Warum die Namen geblieben sind
Bleistift auf Kreide sollte kein Jahrhundert überstehen. Diese Spuren taten es – dank derselben Bedingungen, die die muches bewohnbar machten: völlige Dunkelheit und eine gleichbleibende Temperatur um zehn Grad, die Schimmel hemmt. Hinzu kommt ein unerwarteter Grund. Deutsche Truppen nutzten die Galerien im Zweiten Weltkrieg für den passiven Luftschutz, ließen die älteren Inschriften jedoch unangetastet. Einige deutsche Graffiti kamen sogar hinzu. So tragen die Wände heute zwei Kriege auf demselben handhohen Kreidestreifen.
Aus der Archäologie wurde inzwischen auch Genealogie. Prilaux begann, die Namen mit australischen, britischen und französischen Militärarchiven abzugleichen; die australischen Bestände sind besonders ergiebig. Daraus entstanden bewegende Wiederbegegnungen. 2019 stand die Australierin Janet Pietsch in einer Galerie und las die Inschrift, die ihr Großonkel ein Jahrhundert zuvor hinterlassen hatte. Fred Jenkins aus Bendigo kehrte von der Somme zurück und starb im Alter von 91 Jahren.
Ein Besuch in Naours
Naours liegt im Département Somme in der Region Hauts-de-France und lässt sich leicht mit Amiens oder den Gedenkstätten der Somme-Schlachtfelder verbinden. Besuche erfolgen geführt. Die Gänge sind eben und begehbar, die Decken liegen jedoch nur etwa 1,60 bis 2 Meter hoch; große Besucher sollten den Kopf einziehen. Eine Jacke ist zu jeder Jahreszeit nötig: Die zehn Grad unter Tage sind keine Metapher. Oberirdisch gibt es ein Museum alter Handwerke und ein Dokumentationszentrum zur Erforschung der Graffiti, in dem besonders die Spuren des Ersten Weltkriegs erläutert werden. Vor der Anreise sollte man die saisonabhängigen Öffnungszeiten prüfen.
Was im Gedächtnis bleibt, ist nicht die Ingenieurskunst, so beeindruckend sie auch ist. Es ist die Handschrift. Eine Stadt, die von Menschen gebaut wurde, die keinerlei Spur hinterlassen wollten, trägt an ihren Wänden die Namen von Männern, die genau das wollten – geschrieben wenige Wochen, bevor viele von ihnen die Gelegenheit dazu verloren.