Am 26. Oktober 1863 trafen sich Vertreter von Vereinen aus London und dem Umland in der Freemasons' Tavern. Sie standen vor einem Problem, das heutigen Fans seltsam vorkommen dürfte: Zwei Mannschaften konnten ein Fußballspiel vereinbaren, ohne sich darüber einig zu sein, wie es gespielt werden sollte. Bei diesem Treffen gründeten sie die Football Association, kurz FA, um gemeinsame Regeln zu schaffen. An jenem Abend wurden diese Regeln noch nicht fertig. Entscheidend für die Geschichte sind auch die Auseinandersetzungen, die danach folgten.

Fußball vor einem gemeinsamen Regelwerk

In der Taverne wurde der Fußball nicht erfunden. Schulen, Universitäten und Vereine spielten schon lange unterschiedliche Varianten. Ihre jeweiligen Gepflogenheiten erschwerten Begegnungen zwischen Mannschaften, die nicht demselben Umfeld angehörten. Sheffield Football Club hatte bereits vor der Gründung der FA eigene Regeln aufgeschrieben. In Cambridge hatten Studenten versucht, die Spielweisen ihrer früheren Schulen miteinander zu vereinbaren. Die Universitätsbibliothek bewahrt eine überarbeitete Fassung der Cambridge-Regeln von 1863 auf. Sie weist darauf hin, dass die früheren, späteren Berichten zufolge 1848 entstandenen Regeln nicht erhalten sind. Das Treffen in London sollte also bestehende Traditionen zusammenführen; es war nicht der erste Versuch, Fußballregeln niederzuschreiben.

Ebenezer Cobb Morley, ein Londoner Anwalt und Mitglied des Barnes Football Club, hatte für eine gemeinsame Instanz geworben, wie es sie im Cricket bereits gab. Sein Vorschlag trug dazu bei, die Vereinsvertreter zusammenzubringen. Nach Angaben der FA waren bei der ersten Sitzung zwölf Vereine vertreten, darunter Barnes, Blackheath, der War Office Club und ein Verein namens Crystal Palace, der mit dem heutigen Profiklub nichts zu tun hat. Sie wollten einen Verband, der das Spiel verbindlich beschreiben konnte. Offen blieb jedoch, welche Gewohnheiten der einzelnen Vereine in die gemeinsamen Regeln übernommen würden.

Die FA zählt sechs Sitzungen innerhalb von 44 Tagen. Auf der ersten wurde der Verband gegründet; auf der sechsten, am 8. Dezember, wurden die Regeln beschlossen. Der Unterschied ist wichtig: Am 26. Oktober entstand ein Verfahren zur gemeinsamen Entscheidung, nicht schon der fertige Sport. Ein handschriftliches Protokollbuch von 1863 mit den ursprünglichen Regeln ist erhalten geblieben und wurde im National Football Museum ausgestellt. Es macht sichtbar, dass Menschen mit Namen diese Regeln festhielten, diskutierten und änderten.

Hände, Schienbeine und ein Streit um das Spiel

Besonders heftig wurde über den Umgang mit dem Ball in der Hand und über „Hacking“ gestritten, also absichtliche Tritte gegen die Beine eines Gegners. Manche Vereine bevorzugten eine Spielweise, die dem späteren Rugby näherkam. Andere wollten das Spielen mit der Hand begrenzen und solche Tritte verbieten. Die Cambridge-Regeln schlossen Hacking und das Laufen mit dem Ball in der Hand aus. Nach Darstellung der Universitätsbibliothek half ihre Formulierung dabei, den Streit im neuen Verband zu lösen. Blackheath hielt an einer körperbetonteren Tradition fest und verließ die FA, wie das örtliche Geschichtsarchiv berichtet. Die Trennung von Verbandsfußball und Rugby vollzog sich schrittweise; sie war nicht mit einem einzigen Abend erledigt.

Das Ergebnis sah anders aus als der heutige Fußball. Laut der Geschichte der FA erlaubten die frühen Regeln noch einen „Fair Catch“: Wer den Ball fing und die Stelle sofort mit der Ferse markierte, konnte einen Freistoß beanspruchen. Den Ball in der Hand über das Feld zu tragen war dagegen ausgeschlossen, Hacking verboten. Die Regeln waren Kompromisse zwischen bereits bekannten Spielweisen. Sie legten eine neue Form des Spiels fest, ohne alle Spuren seiner Vorläufer zu tilgen.

Morleys Entwurf wurde schließlich im Dezember angenommen und für die Vereine gedruckt. Am 19. Dezember spielten Barnes und Richmond auf dem Limes Field in Barnes nach den neuen Regeln gegeneinander. Die Partie endete 0:0. Wichtiger als das Ergebnis war, dass zwei Vereine erstmals denselben Regeltext erproben konnten. Damit wurde ein Spiel zwischen Mannschaften leichter, die weder eine Schule noch örtliche Gepflogenheiten teilten.

Aus Regeln wird Geltung

Ein Regelbuch gilt nicht überall, nur weil es gedruckt wurde. Die FA räumt ein, dass sie anfangs nur wenige Mitglieder hatte und ihre Regeln bisweilen angefochten oder ignoriert wurden. In Sheffield spielte man weiterhin nach einem eigenen Regelwerk. Der neue Verband brauchte Vereine, die sich auf seine Bestimmungen einließen, und Anlässe, bei denen sie gegeneinander antraten. Seine Autorität wuchs durch Anwendung, nicht durch eine bloße Erklärung.

Einen solchen Anlass bot ein Wettbewerb. 1871 schlug FA-Sekretär Charles Alcock einen Pokal für Mitgliedsvereine vor. Im ersten Finale standen sich im März 1872 die Wanderers und die Royal Engineers im Kennington Oval gegenüber; die Wanderers gewannen 1:0. Das National Football Museum bewahrt eine Siegermedaille dieses Spiels. Sie erzählt einen anderen Teil der Geschichte als das Protokollbuch: Aus gemeinsamen Regeln war ein Wettbewerb geworden, dessen Ergebnisse, Auszeichnungen und Erinnerungen länger Bestand hatten als ein einzelner Nachmittag.

Ein weiterer Schritt folgte, als Mannschaften Orte außerhalb Londons vertraten. Im November 1872 spielten England und Schottland in Glasgow das nach Darstellung der FA erste offizielle Länderspiel der beiden, ein 0:0. Regionale und nationale Verbände entstanden. 1885 ließ die FA nach dem Widerstand überzeugter Amateure den Profifußball zu. 1886 gründeten die vier britischen Fußballverbände das International Football Association Board, das heute Änderungen an den Spielregeln beschließt. Nichts davon war bei Morleys Treffen vorgezeichnet. Jeder Schritt verlangte neue Einigungen darüber, wer spielen, einen Wettbewerb austragen oder Regeln festlegen durfte.

Die Ausbreitung des Spiels hatte auch Grenzen. Die FA erwähnt in ihrer Darstellung des Frauenfußballs ein Spiel von Frauen im Jahr 1881. 1921 beschloss derselbe Verband, Frauenpartien von den ihm angeschlossenen Plätzen auszuschließen. Diese Einschränkung blieb jahrzehntelang bestehen; die entsprechenden Bestimmungen wurden 1971 geändert. Der Verband, der den Fußball vereinheitlichte, erschwerte damit zugleich anderen den Zugang. Wer seine Gründung als uneingeschränkte Erfolgsgeschichte erzählt, lässt diesen Teil der Vergangenheit aus.

Am 26. Oktober wurde weder das Spiel mit dem Ball erfunden noch der heutige Fußball vollendet. Vereine schufen eine Möglichkeit, ihre Unterschiede auszuhandeln. Sie mussten noch klären, wann Hände erlaubt waren, wie viel Körperkontakt dazugehören sollte und ob Vereine in anderen Städten ihre Entscheidungen akzeptieren würden. Darin liegt die Bedeutung dieses Jahrestags. Der Fußball, der heute auf mehreren Kontinenten gespielt wird, fand durch Debatten, Änderungen und weitere Begegnungen allmählich eine gemeinsame Sprache. Das Treffen war ein Anfang; das Spiel entwickelte sich in den folgenden Jahren weiter.

Quellen: Geschichte der FA; Universitätsbibliothek Cambridge: Cambridge-Regeln; National Football Museum: Protokollbuch von 1863; Geschichtsarchiv der Blackheath Society; National Football Museum: erstes FA-Cup-Finale; FA: Geschichte des Frauenfußballs; Geschichte des IFAB.